Sonntag, 3. Juli 2016

Interessante Erzählperspektiven treffen auf voranschleichende Handlung

Ein Mann stirbt und hinterlässt vor seinem Tod zwei Menschen eine Nachricht. Die eine richtet sich an seinen Bruder, sich an denen zu rächen, die ihn und seine Familie auf dem Gewissen haben, die andere ist ein Hilferuf an eine Interpol-Agentin, seinen Tod aufzuklären.

Wenn das nicht gute Voraussetzungen für eine rasante Entwicklung der Handlung sind - doch die hat ihre Längen. Der Autor Mark Roderick lässt Leser und Ermittler eine gefühlte Ewigkeit im Dunkeln tappen, wirft ihnen nur winzige Häppchen vor, die letztlich doch zu keinem Ergebnis führen. Das ist zermürbend und frustrierend - aber realistisch. Komplexe Polizeifälle lösen sich nicht über Nacht, schon gar nicht, wenn es darum geht, einen Serienkiller sowie einen ganzen Händler- und Verbraucherring von Snuff-Videos zu finden.

Ein interessanter Kniff sind die Erzählperspektiven, die sich aus den beiden Empfängern der Nachrichten des Toten ergeben. So folgt der Leser einerseits den illegalen Ermittlungen von Avram, dem Bruder des Toten, der sich selbst privat mehr als in einer Grauzone des Rechts bewegt, und Emilia, der Interpol-Agentin, die auf legalem Weg versucht, den Fall aufzuklären. Daraus ergibt sich ein Wettstreit zwischen der „guten“ und der „bösen“ ermittelnden Instanz und welche von ihnen wohl schneller ans Ziel kommt.

Wer jetzt denkt, auch das ist ein perfektes Grundrezept für eine spannende Handlung, der wird erneut enttäuscht. Denn das ist das große Aber: Realismus hin oder her, der Leser wird einfach zu lange hingehalten, mit Kleinstindizien gefüttert, Grausamkeiten und ungebührlichem Verhalten konfrontiert, ohne dass ihm auch einmal kleine Erfolgserlebnisse in Form von „den Protagonisten voraus sein“ gegönnt werden. Das ist schade, weil es auf Kosten der Spannung und des Mitfieberns geht. Aus den Voraussetzungen hätte der Autor wirklich mehr machen können.

So bleibt leider ein zwar solider, aber nicht überragender Psychothriller, der zwar hinsichtlich der Verbrechen und menschlichen Abgründe grenzwertig ist, jedoch am Ende wenig überraschen kann.

Hard Facts:
FISCHER Taschenbuch
ISBN: 9783596031429
512 Seiten

Es ist bereits der zweite Teil erschienen: "Post Mortem - Zeiten der Asche", ein dritter Teil ist in Planung.

Frau Schafski

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